Sensitiver Umgang

Hineingeboren in die Weite des "lebens", die er als einen Raum er-lebt, in dem er sich bewegen darf, sucht der Mensch nach Wegweisern, nach Linien, Deutungen des Gegenwärtigen und des Vergangenen: er will er-kennen. Man nennt dies seine "Suche nach dem Sinn".

Jeder Mensch ist ohne sein Zutun gezeugt. Wenn sich männliche Keimzelle (Spermium) und weibliche Keimzelle (Oozyte) verbinden, ist der Beginn einer Entwicklung geworden, deren Ursache nicht im Individuum selbst liegt. Der Gedanke, dass ein Mensch nach seiner Geburt sich seines Gewordenseins "würdig" erweisen müsse, dass er nachzuweisen habe, dass es richtig ist, dass es ihn gibt, führt zu vielfältigen Formen von irrtümlichen Denkmustern und Verhaltensweisen, zu Unterdrückung von Anteilen des Menschen oder gar seiner selbst. In unterschiedlichsten Ideologien bildet sich ab, was Menschen von Geburt an lernen, was an Pseudo-Sinngebungen durch Erziehung und Erfahrung angenommen worden ist.

Jeder Mensch wird mit allem geboren, was er für die Widerfahrnisse von "leben" braucht, jedoch nicht mit Wissen über angemessenes Verhalten. Das ist ein Geheimnis seiner Freiheit, jedoch auch die sinnvolle Begrenzung zwanghafter Irrtumsfähigkeit. Wäre nämlich solch ein Wissen Bestandteil des genetischen Codes, wäre die Fehlerquote bei der Weitergabe seiner Information immens und womöglich irreversibel. Diese physiologische Wahrheit ist mittlerweile auch von der sogen. Entwicklungspsychologie anerkannt.

Das heranwachsende Kind erhält diese Impulse hauptsächlich in und durch Erziehung, im Regelfall geschieht dies durch die Eltern. Sie sind es, die dem Kinde zeigen oder sagen, was es darf, wo es sich zu bewegen habe; was es soll, wohin es sich zu entwickeln habe. Da die Kommunikation sehr eingeschränkt ist, was ihre Verstehbarkeit angeht, kommt es allein schon dadurch zu Fehlinterpretationen, die das Kind gegen sich selbst richten kann. Eltern sind angewiesen auf ihre eigenen Deutungen kindlichen Verhaltens, die jedoch auch abhängig sind von ihren eigenen unterbewussten Einstellungen und eben auch Vor-stellungen.

Irrtümer bedeuten dem Kind unverarbeitbare Erfahrung, da es dafür in sich kein Äquivalent gibt. So er-lebt das Kind solche Erfahrungen als gegen sich gerichtet. Wir sprechen von einer "Verwundungsatmosphäre bzw. -erfahrung" (abgekürzt "VA"). Die Fähigkeit zur Annahme einer VA-Tendenz und ihrer (selbst wieder irrtümlichen) Verarbeitung fördert jedoch auch die Möglichkeit, Überlebensstrategien zu internalisieren. Dies ist in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit eine evolutionäre Notwendigkeit zur Erkennung von Gefahren: schliesslich waren die wilden Tiere und die Unbilden des Wetters vor dem Menschen da. Die unmittelbare Umwelt eines Menschen bietet nicht nur Heimat, sondern eben auch Gefahren. Die Voraussetzung für einen Überlebensumgang mit den Gefahren können wir in den Möglichkeiten des neugeborenen Menschen erkennen, mit Verwundungserfahrungen umzugehen, sich den Aussenimpulsen gegenüber zu behaupten - u.a. auch durch Internalisierung gegen sich selbst gerichteter Tendenzen, die sich im eigenen Verhalten als Methoden abbilden.

Da ein Kind das Ausmass der Handlungen Erwachsener "nicht abschätzen kann und oftmals eingeschüchtert ist, fürchtet es, die Liebe der Erwachsenen zu verlieren, wenn es sich da abgrenzt, wo der missbrauchende Erwachsene die Grenze nicht wahrt. Liebesverlust ist ... besonders ... für ein Kind eine besonders harte Strafe, da es existentiell auf Liebe und Zuneigung der Eltern angewiesen ist. Es tut nun so, als wäre der Erwachsene weiterhin lieb und es selbst verantwortlich, es ist beschämt und fühlt sich schuldig" (Katterfeldt, 1993, S.279, beschreibt hier inhaltlich meine Begriffe von der 1.Umdrehung - schuldig - und der 2.Umdrehung - so tun als ob, einpassen in die Familienatmosphäre).

Zu den Themen Angst, Sorge / Panik, Furcht, Würde, Hölle und Eifersucht HIER

Es handelt sich hier wie auch auf allen anderen Seiten dieses Webauftritts um Zitate, Thesen und Erläuterungen aus Veröffentlichungen zur Noologischen Metatheorie von Walter Alfred Siebel (hier finden Sie auch weitere Links zu anderen “Sensitiven” Theorien).